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Kaffee aus Vietnam und die DDR: Kaffeekrise & Plantagen
Wie die DDR nach der Kaffeekrise 1977 Plantagen in Vietnam anschob und leer ausging: Erichs Krönung, Abkommen 1980/86, Kombinat Việt Đức in Đắk Lắk.
Dass Vietnam heute nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt ist, hat auch mit der DDR zu tun. Nach der Kaffeekrise von 1977 suchte Ost-Berlin eine Bezugsquelle ohne knappe Devisen und investierte in den 1980er-Jahren in Kaffeeplantagen im vietnamesischen Hochland. Die Ironie: Als die Bäume trugen, gab es die DDR nicht mehr.
Diese Geschichte erklärt, warum in deutschen Supermarktmischungen bis heute viel vietnamesischer Robusta steckt – und warum die Verbindung zwischen Vietnam und Deutschland beim Kaffee enger ist, als die meisten ahnen. Wenn du erst einmal wissen willst, was vietnamesischen Kaffee geschmacklich ausmacht, lies vorab unseren Überblick Was ist vietnamesischer Kaffee?.
Kaffee in der DDR: begehrt und teuer
Bohnenkaffee war in der DDR von Anfang an knapp, weil er nur gegen Devisen auf dem Weltmarkt zu bekommen war. Bis 1954 kamen Lieferungen über die Sowjetunion, danach musste die DDR selbst einkaufen. Ab 1957 wurde im eigenen Land geröstet, etwa in Magdeburg, wo Marken wie „Mona“ und „Rondo“ entstanden.
Trotz hoher Preise wuchs der Konsum. Laut Wikipedia lag der Verbrauch in den 1970er-Jahren bei rund 3,6 Kilogramm pro Kopf und Jahr; DDR-Bürger gaben jährlich etwa 3,3 Milliarden Mark für Kaffee aus. Ein erheblicher Teil – Schätzungen nennen 20 bis 25 Prozent in den Jahren 1975 bis 1977 – kam als Geschenk in Westpaketen.
Die Kaffeekrise 1977 und „Erichs Krönung“
1975/76 vernichtete eine Missernte in Brasilien große Teile der Ernte, die Weltmarktpreise explodierten. Statt rund 150 Millionen musste die DDR nun fast 700 Millionen Valutamark im Jahr für Kaffeeimporte aufbringen – Geld, das gleichzeitig für teurer gewordenes Erdöl gebraucht wurde.
Die SED-Führung reagierte 1977 auf mehreren Ebenen:
- Die günstigste Sorte „Kosta“ wurde gestrichen, es blieben teurere Sorten.
- Als Billigvariante kam der Kaffee-Mix auf den Markt: laut DDR-Museum nur 51 Prozent Kaffee, 49 Prozent Ersatzstoffe, unter anderem Erbsenmehl.
- Im September 1977 wurde die Mengenbegrenzung für Kaffee in Westpaketen und im Reisegepäck aufgehoben.
Der Kaffee-Mix fiel durch. Er schmeckte vielen nicht, und das Eiweiß aus dem Erbsenmehl quoll in Gastronomie-Maschinen auf und verstopfte die Filter. Der Volksmund taufte das Produkt „Erichs Krönung“ – eine Anspielung auf Erich Honecker und Jacobs Krönung. Es gab Eingaben und Proteste, und die Mischung verschwand bald wieder aus den Regalen. Das Grundproblem blieb: Kaffee kostete Devisen, die die DDR nicht hatte.
Tauschgeschäfte statt Devisen
Die Lösung sollten Kompensationsgeschäfte sein. Die DDR lieferte Waren und Technik, die Partnerländer zahlten in Rohstoffen. Schon 1977 gingen etwa allradgetriebene Lkw vom Typ W 50 nach Angola, im Gegenzug kam Kaffee. Mit Vietnam, dem engen sozialistischen Partner, plante man eine langfristige Lösung: eigene Plantagen.
Vietnam baute zwar seit der französischen Kolonialzeit Kaffee an – die ersten Pflanzen kamen 1857 ins Land –, nach dem Krieg war die Produktion aber gering. Ab 1975 begann der systematische Anbau von Robusta, einer Art, die schneller wächst, mehr Koffein enthält und im Hochland gut gedeiht. Mehr zu den Unterschieden der Kaffeearten erfährst du im Artikel Robusta vs. Arabica.
Die Regierungsabkommen 1980 und 1986
Unter dem Eindruck der Krise schlossen die DDR und Vietnam zwei Regierungsabkommen. Wikipedia datiert sie auf 1980 und 1986; ein Bericht des MDR, den die Rösterei Daklak Coffee wiedergibt, nennt 1981 und 1986 – vermutlich ein Unterschied zwischen Vereinbarung und Unterzeichnung bzw. Projektstart.
Das Prinzip war einfach: Die DDR lieferte Ausrüstung, Maschinen und Know-how, Vietnam sollte mit Kaffee zurückzahlen. Laut Wikipedia sollte die DDR über 20 Jahre die Hälfte der Ernte aus dem Projekt erhalten.
Das Kombinat Việt Đức in Đắk Lắk
Herzstück war das neu gegründete Kaffeekombinat Việt Đức („Vietnam–Deutschland“) im Zentralen Hochland, in der Provinz Đắk Lắk. Die bekannten Eckdaten:
| Bereich | Angabe laut Quellen |
|---|---|
| Anbaufläche | Ausweitung von 600 auf 8.600 Hektar |
| Technik | Lkw, technische Geräte, Bewässerungssysteme aus der DDR |
| Energie | Wasserkraftwerk in Dray Linh im Gegenwert von 20 Mio. US-Dollar |
| Personal | Unterkünfte und Versorgung für rund 10.000 von der Küste umgesiedelte Menschen |
| Ausbildung | Schulung vietnamesischer Fachkräfte, auch in der DDR |
| Gegenleistung | Hälfte der Ernte über 20 Jahre an die DDR |
Ein Foto aus einem Faltblatt des Kombinats, das die Berliner Zeitung zeigt, dokumentiert die ersten jungen Kaffeebäume im Jahr 1985. Kaffee braucht allerdings mehrere Jahre bis zur vollen Ernte – im Fall des Projekts rechnete man mit rund acht Jahren bis zum vollen Ertrag. Die erste verwertbare Ernte war für 1990 geplant. Wie die Region heute aussieht, beschreibt unser Artikel zum Kaffeeanbau in Vietnam. Aus der Provinzhauptstadt Buôn Ma Thuột stammt übrigens auch Vietnams bekannteste Kaffeemarke, gegründet 1996: Trung Nguyên.
1990: Die DDR geht leer aus
Als der Kaffee endlich reif war, existierte der Abnehmer nicht mehr. Das DDR-Museum schreibt, der erste Kaffee aus Vietnam sei erst 1991 geerntet worden; profitiert habe die DDR davon nicht mehr. Ein am Projekt beteiligter Deutscher erinnert sich im MDR-Bericht, die Vietnamesen hätten anfangs nicht gewusst, wohin mit der Ernte – man habe ihnen dann geholfen, Käufer auf dem Weltmarkt zu finden.
Đổi Mới und der Aufstieg zur Kaffeemacht
Parallel öffnete Vietnam ab 1986 mit der Reformpolitik Đổi Mới („Erneuerung“) seine Planwirtschaft für Marktmechanismen. Laut Barista Magazine setzte die Regierung im selben Jahr gezielt auf ausgewählte Kulturen, darunter Kaffee; Ende der 1980er- und in den 1990er-Jahren wuchs die Produktion stetig.
Hinzu kam die Aufhebung des US-Handelsembargos gegen Vietnam. Innerhalb weniger Jahre stieg das Land zum zweitgrößten Kaffeeanbieter nach Brasilien auf und verdrängte traditionelle Herkunftsländer, vor allem in Afrika. Das Überangebot trug um 2001 zu einer neuen globalen Kaffeekrise mit Tiefstpreisen bei.
Zeitstrahl: Kaffee, Vietnam und die DDR
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1857 | Französische Missionare bringen die ersten Kaffeepflanzen nach Vietnam |
| 1954 | Sowjetische Kaffeelieferungen an die DDR enden |
| 1957 | Beginn der Röstkaffeeproduktion in der DDR |
| 1975 | Kriegsende in Vietnam; systematischer Robusta-Anbau beginnt |
| 1975/76 | Missernte in Brasilien, Weltmarktpreise steigen stark |
| 1977 | DDR-Kaffeekrise, Einführung des Kaffee-Mix („Erichs Krönung“) |
| 1978 | Preise am Weltmarkt entspannen sich wieder |
| 1980 (bzw. 1981) | Erstes Regierungsabkommen DDR–Vietnam zum Kaffeeanbau |
| 1985 | Erste junge Bäume auf Plantagen des Kombinats Việt Đức |
| 1986 | Zweites Abkommen; Vietnam startet die Reformpolitik Đổi Mới |
| 1990 | Geplante erste Ernte; deutsche Einheit, die DDR existiert nicht mehr |
| 1991 | Laut DDR-Museum erste Ernte aus dem Projekt |
| 1990er | Rasanter Ausbau, Vietnam wird zweitgrößter Kaffeeproduzent |
| heute | Việt Đức besteht als Vinacafe-Tochter in Ea Ktur, Đắk Lắk |
Was davon heute bleibt
Das Unternehmen existiert weiter: Die Công ty TNHH MTV cà phê Việt Đức ist ein Mitgliedsunternehmen des staatlichen Kaffeekonzerns Vinacafe mit Sitz an der Nationalstraße 27 in der Gemeinde Ea Ktur, Provinz Đắk Lắk. Neben den großen Plantagen entstanden nach der Wende viele kleine Familienbetriebe.
Und Deutschland ist einer der wichtigsten Abnehmer vietnamesischer Bohnen geblieben. Die Berliner Zeitung bezeichnet Deutschland als zweitgrößten Importeur nach den USA; vieles davon landet unsichtbar in Mischungen, ohne dass Vietnam auf der Packung steht. Inzwischen gibt es aber auch Röstereien, die die Herkunft betonen – etwa VietBeans aus Berlin, die laut Berliner Zeitung direkt bei kleinen Farmen einkaufen, oder die Rösterei Daklak Coffee in Balgstädt (Sachsen-Anhalt), deren Gründer wegen genau dieser Geschichte selbst nach Đắk Lắk reiste.
Wenn du die Bohnen aus dem ehemaligen DDR-Projektgebiet selbst probieren willst, findest du Bezugsquellen in unserem Ratgeber Vietnamesischen Kaffee kaufen. Für die klassische Zubereitung brauchst du nur einen kleinen Metallfilter – wie das funktioniert, zeigt die Phin-Filter-Anleitung. Und wer verstehen will, wie Vietnam den Kaffee nicht nur angebaut, sondern zur Alltagskultur gemacht hat, liest weiter bei der Kaffeekultur in Vietnam.
Häufige Fragen
Hat die DDR Vietnam zum Kaffeeland gemacht?
Nicht allein, aber sie war ein wichtiger Anschub. Nach der Kaffeekrise 1977 schloss die DDR mit Vietnam Abkommen und lieferte Maschinen, Lastwagen und Technik für neue Robusta-Plantagen im Hochland; den großen Boom brachten danach die Marktreformen und der Zugang zum Weltmarkt.
Was war Erichs Krönung?
So nannte der Volksmund den 1977 eingeführten Kaffee-Mix der DDR. Er bestand laut DDR-Museum nur zu 51 Prozent aus Kaffee, der Rest waren Ersatzstoffe – die Mischung schmeckte vielen nicht und verstopfte sogar Kaffeemaschinen.
Hat die DDR jemals Kaffee aus dem Gemeinschaftsprojekt bekommen?
Nein. Kaffeepflanzen brauchen Jahre bis zur vollen Ernte; die ersten nennenswerten Mengen fielen um 1990/1991 an, als es die DDR nicht mehr gab.
Gibt es das Kaffeeunternehmen Việt Đức heute noch?
Ja. Die Công ty TNHH MTV cà phê Việt Đức ist heute ein Mitgliedsunternehmen des staatlichen Konzerns Vinacafe mit Sitz in der Gemeinde Ea Ktur in der Provinz Đắk Lắk.
Quellen
- Kaffeekrise in der DDR – Wikipedia
- Berliner Zeitung: Dank DDR-Kaffeekrise – Wie Vietnam zweitgrößter Kaffeeproduzent der Welt wurde
- DDR Museum: »Kaffee Mix« and coffee crisis
- Daklak Coffee: Vietnam und die DDR schließen Kaffeeabkommen
- Vinacafe: Công ty TNHH MTV cà phê Việt Đức
- Barista Magazine: An Unfiltered History of Vietnamese Coffee